Eine Walbeobachtung gehört zu den eindrucksvollsten Naturerlebnissen einer Reise. Doch wann und wo sind die Chancen besonders gut? Unser Überblick führt zu den wichtigsten Walrevieren in Norwegen, Schweden, Dänemark, Island, Grönland, Spitzbergen und der Antarktis.

Wale halten sich nicht zufällig an bestimmten Orten auf. Sie folgen Fischschwärmen, Krill, Meeresströmungen und dem jahreszeitlichen Wechsel zwischen Nahrungs- und Fortpflanzungsgebieten. Deshalb gibt es zwar klare Saisonfenster, aber niemals eine Garantie. Wetter, Eisverhältnisse und die Verlagerung der Nahrung können dazu führen, dass die Tiere früher eintreffen, weiterziehen oder in einem anderen Fjord auftauchen.

Norwegen: Pottwale im Sommer, Orcas im Winter

Norwegen bietet innerhalb Skandinaviens die größte Vielfalt organisierter Walbeobachtungen. Besonders wichtig sind zwei Regionen, die sich deutlich voneinander unterscheiden.

Andenes und Stø auf den Vesterålen

Vor Andenes fällt der Meeresboden nahe der Küste steil in große Tiefen ab. Dadurch können die Boote vergleichsweise schnell das Bleik-Tief erreichen, ein nährstoffreiches Gebiet, in dem regelmäßig Pottwale nach Tintenfischen suchen. Die Vesterålen gelten als Norwegens einzige Region, in der grundsätzlich das ganze Jahr über Walbeobachtungen möglich sind.

Die klassische Sommersaison reicht ungefähr von Mai bis Anfang November. Besonders beliebt sind Juni bis August, wenn lange Tage und Mitternachtssonne gute Bedingungen für Ausfahrten schaffen. Neben Pottwalen können Zwergwale, Buckelwale, Grindwale, Delfine und gelegentlich Orcas auftauchen. Einige Anbieter veranstalten auch Wintertouren, wobei Wetter und Seegang dann größere Auswirkungen auf den Betrieb haben.

Beste Reisezeit: Juni bis September
Typische Arten: Pottwal, Zwergwal, Buckelwal, Grindwal, Orca

Skjervøy nördlich von Tromsø

Im Winter folgen große Heringsschwärme der nordnorwegischen Küste. In den vergangenen Jahren sammelten sie sich vor allem in den Fjorden rund um Skjervøy. Ihnen folgen Orcas und Buckelwale, teilweise auch Finn-, Zwerg- und Pottwale.

Die übliche Saison beginnt Anfang November und endet gegen Ende Januar. Von Tromsø werden lange Tagesausflüge angeboten; kürzer ist die Anreise, wenn Reisende direkt in Skjervøy übernachten. Allerdings ist dieser Hotspot nicht dauerhaft garantiert: Verändert der Hering seine Route, verändern auch die Wale ihr Revier. Genau das ist in Nordnorwegen in der Vergangenheit mehrfach geschehen.

Beste Reisezeit: November bis Januar
Typische Arten: Orca, Buckelwal, Finnwal
Besonderheit: Kombination aus Walbeobachtung, Polarnacht und Nordlicht

Für Fotografen ist die Wintersaison spektakulär, aber anspruchsvoll. Das Tageslicht ist knapp, die Temperaturen sind niedrig und die Ausfahrten können durch Wind abgesagt werden. Dafür wirken Orcas vor verschneiten Bergen und im blauen arktischen Dämmerlicht besonders eindrucksvoll.

Dänemark und Schweden: Kleine Wale vor der Haustür

Nicht jede Walsafari muss zu den großen Buckel- oder Pottwalen führen. Im Kleinen Belt zwischen Jütland und Fünen lebt eine besonders dichte Population von Schweinswalen. Ausfahrten starten unter anderem in Middelfart und Fredericia. Die Tiere sind deutlich kleiner und unauffälliger als Großwale, lassen sich in dem schmalen Meeresarm aber regelmäßig an der Oberfläche beobachten.

Auch vor Kullaberg in der südschwedischen Provinz Skåne werden Bootstouren zur Beobachtung von Schweinswalen angeboten. Die Tiere zeigen meist nur kurz Rücken und Rückenflosse. Ruhiges Wetter, Geduld und ein aufmerksamer Blick sind daher wichtiger als ein großes Teleobjektiv.

Beste Reisezeit: vor allem spätes Frühjahr bis früher Herbst
Typische Art: Schweinswal
Geeignet für: Familien und Reisende, die eine kurze Walsafari in eine Skandinavien-Rundreise integrieren möchten

Island: Europas vielseitigstes Walrevier

Island gehört zu den verlässlichsten und am einfachsten erreichbaren Walbeobachtungszielen im Nordatlantik. Grundsätzlich finden an mehreren Orten ganzjährig Touren statt. Die größte Artenvielfalt und meist günstigeren Wetterbedingungen bietet jedoch der Sommer, insbesondere von Mai bis September. Dann werden die nahrungsreichen Küstengewässer zu wichtigen Futterplätzen.

Húsavík und die Skjálfandi-Bucht

Húsavík im Norden trägt nicht ohne Grund den Beinamen „Walhauptstadt Islands“. In der Skjálfandi-Bucht werden häufig Buckelwale und Zwergwale beobachtet. Mit Glück erscheinen Weißschnauzendelfine, Schweinswale oder sogar Blauwale. Letztere ziehen im Sommer in isländische Gewässer, bleiben aber auch dort eine besondere und keinesfalls garantierte Sichtung.

Eyjafjörður, Akureyri, Dalvík und Hauganes

Der lange, relativ geschützte Eyjafjörður ist vor allem für Buckelwale bekannt. Touren starten in Akureyri, Dalvík und Hauganes. Durch die geschütztere Lage kann der Seegang angenehmer sein als auf offenen Meeresabschnitten. In Dalvík werden auch ganzjährig Touren angeboten, während die meisten zusätzlichen Abfahrten zwischen Mai und September stattfinden.

Reykjavík und Snæfellsnes

Von Reykjavíks altem Hafen führen Touren in die Faxaflói-Bucht. Typisch sind Zwergwale, Buckelwale, Weißschnauzendelfine und Schweinswale. Der große Vorteil ist die unkomplizierte Erreichbarkeit, sodass sich die Safari auch in eine kurze Islandreise integrieren lässt.

Wer gezielt nach Orcas sucht, sollte die Halbinsel Snæfellsnes und den Hafen von Ólafsvík in Betracht ziehen. Dort werden regelmäßig Schwertwale und gelegentlich Pottwale beobachtet. Die angebotene Saison reicht ungefähr von Februar bis September.

Beste Reisezeit Island: Mai bis September
Beste Allround-Region: Húsavík und Nordisland
Für Orcas: Snæfellsnes
Für eine kurze Städtereise: Reykjavík

Grönland: Buckelwale zwischen Eisbergen

Grönland verbindet Walbeobachtung mit einer Landschaft, die kaum spektakulärer sein könnte. Buckelwale tauchen zwischen Eisbergen auf, Finnwale ziehen durch weite Fjorde und kleine Boote fahren entlang nahezu unbesiedelter Küsten.

Die Hauptsaison reicht je nach Region ungefähr von Mai oder Juni bis September beziehungsweise Oktober. Am häufigsten werden Buckelwale, Finnwale und Zwergwale beobachtet. Bis zu 15 Walarten können zeitweise in grönländischen Gewässern vorkommen.

Nuuk und Maniitsoq

Der Nuuk-Fjord ist ein gutes Revier für Buckelwale. Die beste Zeit für Wal- und Bootsausflüge liegt ungefähr zwischen Juni und Oktober. Weiter nördlich gilt Maniitsoq als eines der weniger bekannten, aber besonders ergiebigen Walreviere Grönlands. In den Fjordsystemen rund um Maniitsoq und Kangaamiut werden regelmäßig Buckel- und Zwergwale beobachtet.

Ilulissat und die Diskobucht

Ilulissat ist das bekannteste Reiseziel Grönlands. Im Sommer ziehen Buckel-, Finn- und Zwergwale in die Diskobucht. Die Kombination aus Walen, gewaltigen Eisbergen und dem Ilulissat-Eisfjord macht die Region besonders attraktiv für Naturfotografen.

Eine Ausnahme bilden Grönlandwale: Sie verbringen den Winter in und um die Diskobucht. Auch Belugas und Narwale können in nördlichen Regionen vorkommen, sind für gewöhnliche Besucher aber erheblich schwieriger gezielt zu beobachten als die sommerlichen Buckelwale.

Beste Reisezeit: Juni bis September
Beste Regionen: Nuuk, Maniitsoq, Ilulissat und Diskobucht
Typische Arten: Buckelwal, Finnwal, Zwergwal
Besondere Winterart: Grönlandwal

Spitzbergen: Blauwale und Belugas im hohen Norden

Rund um Spitzbergen treffen kalte und vergleichsweise warme Meeresströmungen aufeinander. Im arktischen Sommer entstehen dadurch ergiebige Nahrungsgebiete für zahlreiche Meeressäuger. Die besten Chancen bestehen während der Bootsaison von Juni bis August, häufig mit besonders guten Möglichkeiten im Juli.

Im Isfjord bei Longyearbyen werden Buckelwale, Finnwale, Blauwale und Belugas beobachtet. Für Blauwalbeobachtungen gelten Juni und Juli beziehungsweise der Zeitraum bis August als besonders interessant. Belugas halten sich häufig küstennah oder vor Gletscherfronten auf, können wegen ihrer hellen Färbung zwischen Eisschollen jedoch erstaunlich schwer zu erkennen sein.

Anders als in Húsavík oder Andenes ist eine Spitzbergenreise meist keine reine Walreise. Die Sichtungen sind Teil eines größeren Naturerlebnisses mit Gletschern, Walrossen, Seevögeln, Robben und arktischen Landschaften. Wer möglichst viel Zeit auf dem Wasser verbringt, erhöht seine Chancen deutlich.

Beste Reisezeit: Juni bis August
Beste Region für Tagesausflüge: Isfjord ab Longyearbyen
Typische Arten: Beluga, Buckelwal, Finnwal, Blauwal

Antarktis: Die Hochsaison kommt zum Schluss

Die touristische Saison an der Antarktischen Halbinsel reicht ungefähr von November bis März. Für Walbeobachtungen sind jedoch vor allem Februar und März interessant. Gegen Ende des Südsommers haben viele Wale die nahrungsreichen antarktischen Gewässer erreicht und verbringen viel Zeit mit der Jagd auf Krill.

Besonders häufig sind Buckelwale, Zwergwale und Finnwale. Auch Orcas werden regelmäßig gesichtet. Blauwale, Pottwale und Südkaper sind möglich, aber erheblich seltener. Zu den bekannten Regionen gehören die Gerlache-Straße, das Wedell-Meer, die Wilhelmina Bay, Paradise Bay und der Lemaire-Kanal. Da Wetter und Eis jeden Fahrplan bestimmen, können Expeditionsschiffe jedoch keine konkreten Sichtungsorte garantieren.

Im Februar und März ist das Meereis meist weiter zurückgegangen. Expeditionsschiffe und Zodiacs können dadurch teilweise tiefer in Buchten und Kanäle vordringen. Gleichzeitig erscheinen häufiger große Gruppen fressender Buckelwale. Für Reisende, deren Priorität eindeutig auf Walen liegt, ist die späte Antarktissaison deshalb meist die bessere Wahl als November oder Dezember.

Beste Reisezeit: Mitte Februar bis März
Beste Region: Westseite der Antarktischen Halbinsel
Typische Arten: Buckelwal, Antarktischer Zwergwal, Finnwal, Orca

Welche Region ist die beste?

Eine einzige richtige Antwort gibt es nicht. Für eine relativ unkomplizierte Reise mit guten Chancen auf unterschiedliche Arten ist Nordisland besonders geeignet. Für Pottwale ist Andenes die erste Wahl, während Skjervøy im Winter spektakuläre Begegnungen mit Orcas und Buckelwalen ermöglichen kann. Grönland bietet die eindrucksvollste Kombination aus Walen und Eisbergen. Auf Spitzbergen steht das gesamte arktische Ökosystem im Mittelpunkt. Die Antarktis schließlich ist die aufwendigste und teuerste Variante – gleichzeitig aber eines der mächtigsten Naturerlebnisse überhaupt.

Unabhängig vom Ziel sollte ein verantwortungsvoller Anbieter Abstand halten, die Tiere nicht verfolgen, Fressverbände nicht durchfahren und Geschwindigkeit sowie Kurs frühzeitig anpassen. Für die Antarktis sehen die IAATO-Leitlinien unter anderem eine vorsichtige Annäherung, reduzierte Geschwindigkeit und klare Mindestabstände für kleine Boote vor.

Redaktioneller Tipp: Bei Reisen mit nur einer einzigen geplanten Walausfahrt sollte möglichst ein Reservetag eingeplant werden. Wetterbedingte Absagen sind in Island, Nordnorwegen, Grönland, Spitzbergen und der Antarktis keine Ausnahme. Übrigens bieten wir neben einer Antarktis-Reise ins Wedell-Meer auch weitere auf Walbeobachtung ausgelegte Reisen an.

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